Wass’n Glück gibt’s die Ossis noch
Jetzt haben wir ja das Glück, in einem recht ruhigen Stadtteil zu leben. Wenn’s hier mal lauter auf der Straße wird, dann weil angetrunkene Jugendliche von der Neckarwiese nach Hause wandern oder weil auf dem kleinen Marktplatz umme Ecke ein Fest steigt. Heute morgen war das anders. Und darum muss ich mir das jetzt von der Seele schreiben, weil es mich so nervös gemacht hat, auch wütend, sauer.
Plötzlich krakelt es unten auf der Straße, dass ich’s sogar bei geschlossenem Fenster höre. Und da fallen einige Schimpfworte. Jetzt bin ich von Natur aus neugierig. Ich also ans Fenster, um mir das Schauspiel anzuschauen. Viele gesehen hab ich aber nicht.
Aber gehört. Mann und Frau streiten sich und brüllen durch die halbe Straße. Um was es da ging, weiß ich nicht. Beide aber haben sich wenig geschenkt. Arschloch, Schlampe, hau’ dir auf’s Maul … so die Kategorie sozialer Auseinandersetzung. Das Ganze geht so ein, zwei Minuten, dann macht sich der Mann wohl vom Acker.
In mein Blickfeld tritt nun eine deutlich korpulente Frau, geschätzte 65. Stellt sich auf die Straßenecke und zückt ihr Handy. Ruft bei der Polizei an. Man habe sie hier beleidigt, das ließe sie sich nicht gefallen von diesem Dreckarsch. Sie sollten jetzt vorbei kommen, die Polizisten. Hier Ecke Schröderstraße. Ja. Und legt auf. Vermute daher, sie hat nur so getan, als würde sie mit der Polizei telefonieren. Zumal sie kurz nach dem Telefonat abdampft ohne abgewartet zu haben, ob die Polizei den „Dreckarsch“ dingfest machen konnten.
Bevor sie abdampft allerdings, hat sich eine kleine Traube von Passanten vor dem gegenüberliegenden Cafe gebildet, die das skurrile Schauspiel wie ich beobachten. Dicke Frau bemerkt ihr Publikum und reagiert nicht etwa mit einer tiefen Verbeugung. Nein, sie fängt auch noch an, die Umstehenden zu beschimpfen. „Was glotzt ihr denn so blöd.“ Und wieder: Sie lasse sich nicht beleidigen. Sie käme aus Hamburg, wohne seit 38 Jahren in Heidelberg und habe sich das teuer erkauft.
Und sie lasse sich nicht beleidigen – von einem Ossi. Von diesem Dreck-Ossi. Käme aus der DDR hier rüber und würde denken, sie – wie gesagt echte Hamburgerin – beleidigen und anpöbeln zu können. Nicht mit ihr! „Soll er doch wieder zurück in die DDR.“
Wow, denke ich. Blick hinter eine gutbürgerliche Fassade. Deutsch-deutsche Freundschaft. Gelebt. Hier auf der Straße. Wie lange ist der Mauerfall nochmal her? Wie gut, wenn man seine Ossis hat, denke ich. Dann braucht man keine Ausländer mehr, die ja auch immer gerne an allem Schuld sind.
Hihi – mein türkischer Tabakhändler hat mich mal sehr ernst befragt, welcher Herkunft denn mein Freund sei.
Österreicher – wurde von ihm geradeso noch akzeptiert – Wessie wär besser gewesen und Ossi – da war er schon erleichtert, dass dem nicht so war.
Wohlgemerkt ich wohne hier in Berlin nicht weit von der ehemaligen Grenze weg.
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