Geist auf Wochenend-Tripp
Das Marokko-Tagebuch, Tag 11
So funktioniert Religion. Seit 1993 steht in Casablanca die drittgrößte Moschee der Welt. Eigentlich dürfen Nicht-Gläubige in Moscheen nicht rein. Das muss man wissen, wenn man die gigantischen Hallen der Moschee zu Ehren von Hassan II., dem ehemaligen König Marokkos, betritt. Hier dürfen Ungläubige nämlich rein. Und das kam so.
Das heilige Haus, um und in dem im Notfall 105.000 Menschen Platz finden, ist eine Moschee – und ist dies auch wieder nicht. Denn eigentlich sollte Hassan II., als er 1999 starb, hier beigesetzt werden. Die Moschee wäre also ein Mausoleum. Islamische Mausoleen dürfen von Nicht-Gläubigen besichtigt werden. Das ist schonmal gut. Nun macht der derzeitige König, Mohammed VI., aber einen gigantischen U-Turn. Überlegt es sich kurz vor der Beisetzung seines Alten anders und lässt diesen in Rabat begraben. Damit der näher an der Familie ist. Schön.
- Die Pforte des Königs steht immer offen. Ob Hassan gerade da ist, weiß aber keiner.
- Gigantomanie: In und um die Moschee Hassan II. haben 105.000 Menschen Platz.
Nur Casaclanca hat jetzt ein Problem. Da wurde – über Zwangsumsiedlungen, Zwangssteuern und mit entsprechenden sozialen Verwerfungen – eine riesige Moschee gebaut, die jetzt nicht Königsstätte werden darf. Eine halbe Milliarde US-Dollar hat der Prestigebau gekostet. Das muss auch erstmal wieder reingeholt werden.
Zum Beispiel über Touristen. Denen könnte man ja Führungen anbieten und dafür für marokkanische Verhältnisse horrende Eintrittspreise verlangen. Nicht-gläubige Westler zahlen 12 Euro. Marokkaner und Moslems nur die Hälfte. Gute Idee. Doch Schreck! Ist ja jetzt ne Moschee und kein Mausoleum mehr.
Also hat sich der neue König Mohammed VI. einen ganz tollen Kniff einfallen lassen. Sein Vater ist zwar in Rabat begraben, doch Hassans Geist, der kommt immer mal wieder in Casablanca vorbei. Damit ist die Moschee über den Klippen des Atlantiks keine Moschee, sondern ein Mausoleum. Wochenend-Häuschen des alten Königs, wenn man so will. Und in ein Mausoleum, wie gesagt, da dürfen auch Ungläubige rein.
So groß erscheinen mir die Unterschiede zwischen Islam und Christentum tatsächlich nicht zu sein – zumindest bezüglich der rhetorischen Winkelzüge zwecks Kommerzialisierung des Glaubens.
Wir waren also drin. Beeindruckend. Ob Hassan II. aber gerade da war, konnte mir auch keiner sagen. Ist ja nicht so wie bei der Queen, die immer die Fahne raushängt, wenn sie sich gerade im Buckigham aufhällt

