Und da macht’s klack

2009 Januar 30

Heute ist anscheinend wieder ein Tag starker Hirnaktivität. Liegt vielleicht am Wetter, keine Ahnung. Da macht’s klick, klack, zack. Und da muss man aufpassen. Höllisch. Also jetzt: Beim Stöbern entdecke ich eine schöne Seite von Martin, der schreibt, wie er ein Buch schreibt und damit erfolgreich werden will. Schöne Sache: Lesebefehl!

Jedenfalls ist der Martin – klick – kürzlich über meine Besprechung von Benedict Wells „Becks letzter Sommer“ gestolpert. Worüber ich wiederum eben drüber gestolpert bin. Und ein paar Tage später schreibt Martin, dass schreibende Männer extrem gut bei Frauen ankommen. Also statistisch betrachtet. Unter diesen Umständen macht’s bei mir natürlich Klack, denn Benedict Wells hat wiederum mir im Interview das genaue Gegenteil gesagt: Wie sehr Frauen angeödet sind, wenn er wieder mit seinem „Ich schreibe gerade ein Buch“-Spruch kam. Jedenfalls denke ich, hoppla, das Interview hab ich zwar bereits – in gekürzter Fassung – in meinem Hausblatt veröffentlicht. Aber könnte ich ja hier auch in voller Länge locker reinstellen.

Wer Lust hat, klicke weiter …

Ausgerechnet Florian Illies, seines Zeichens Namensgeber der pop-literarischen „Generation Golf“, lobt Benedict Wells’ Debütroman. Da muss man hellhörig werden. Weil Illies es erfrischend findet, dass Wells auf enervierende Aufzählungen von Bands und Marken verzichtet, um sich einer bestimmten Generation, einem bestimmten Zeitalter zuzuordnen. Jaja, der Illies, ist ja auch schon bald 40.

Denn Benedict Wells hätte ja durchaus das Zeug dazu, einen identitätsstiftenden Roman für seine Generation zu schreiben. Er ist 24. Auf Studium und Karriere pfeift er nach dem Abi. Zieht nach Berlin – um zu schreiben. Und sein Debüt, „Becks letzter Sommer“, das hat Wells eben bei Diogenes veröffentlicht. Damit ließe sich doch locker ein Kult vermarkten.

Wenn, ja wenn sich Wells nicht konsequent als neuer Pop-Literat verweigern würde. Ein Aufatmen. Welch Wohltat. Über Britney, MTV oder YouTube – was man klischeehaft so von einem Chronisten Anfang 20 erwarten würde – schreibt er nicht. Stattdessen erzählt „der Jungstar bei Diogenes“ von gescheiterten Lebensträumen, schreibt über Sinnsuche und über eine Reise durch Osteuropa nach Istanbul. Ein gedrucktes Road-Movie. Witzig, poetisch mit Sinn für leisen Humor und die kleine Szene. Kino im Kopf. Ein ambitioniertes, ein herausragendes Debüt, dessen Rhythmus die Songs von Bob Dylan vorgeben.

Diogenes Verlag

Benedict Wells. Foto: Diogenes Verlag

Benedict, Du schreibst über einen 37-Jährigen in der Midlife-Crisis und über Bob-Dylan-Songs. Das klingt alles nicht nach einem 24-Jährigen, das ist etwas irritierend.

Naja, ich bin eben eine alte Seele. Ich war auch nie der klassische 16- oder 18-Jährige.

Aber ausgerechnet Dylan, um Himmels Willen?

Ich dachte auch immer, Dylan sei so ein alter Zausel, der nicht singen kann. Kann er auch nicht wirklich. Aber seine Songs sind echt grandios. Man muss ihn nur entdecken.

Welcher Song ist dein liebster?

All Along The Watchtower. Da ist so viel Aufbruch drin, so viel Hoffnung auf was besseres.

Du hast die Kapitel Deines Buchs in Dylan-Songs gegliedert. Ein Konzept.

Nein, kein Konzept. Das hat sich zufällig ergeben. Irgendwann fiel mir nur auf, dass die Stimmung der Songs gut zu meiner Geschichte passen. Also habe ich angefangen Dylan mit reinzuschreiben.

Zum Beispiel?

Na, Dylan hat immerhin den besten Auftritt aller Figuren in der Geschichte. Und seine Songs spielen auch eine sehr wichtige Rolle. Wie eben All Along The Watchtower. Wenn ich wie Beck und seine Leute eine Reise machen würde, wäre der Song auf jeden Fall mit dabei. Das passt einfach für mich. Oder „I Want You“ – drei Worte, ein Song. Mehr braucht es nicht, um zu beschreiben, um was es da zwischen Beck und seiner Freundin gerade geht.

Wie bist du auf die Geschichte des liebeskranken, ausgebrannte Lehrers Beck gekommen?

Die hat sich so nach und nach entwickelt. Ich kannte einen Lehrer in den 30ern, der mit seinem Job gehadert hat. Das fand ich interessant. Schließlich kam mir irgendwann die Idee: Wie muss sich jemand mit durchschnittlicher Begabung fühlen, wenn er ständig mit einem Genie konfrontiert ist. Daraus hat sich die Figur Beck ergeben, der in seiner Klasse einen hochbegabten jungen Musiker entdeckt und so mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert wird. Beck wollte nie Lehrer, sondern immer Musiker werden. Aber dafür hat es nicht gereicht.

Da erkennt sich jetzt einer Deiner ehemaligen Lehrer in Deinem Buch wieder?

Nein, Beck ist eher der Prototyp des genervten Lehrers. Das ist doch so: Du fängst als junger cooler Referendar an, wirst vielleicht von älteren Schülern noch geduzt. Dann kommst du in Becks Alter, fühlst dich noch jung, wirst so aber nicht mehr wahrgenommen. Es hört nie auf. Du wirst älter und älter, aber deine Scheiß-Schüler, die bleiben immer 17. Frustrierend.

Spielst du selbst Gitarre?

Nein. Ich hab’s mal versucht. Aber ich bin da echt unbegabt. Muss ich zugeben. Was schade ist, weil man’s als Musiker bei Frauen deutlich leichter hat als als Autor.

Das kommt bei Frauen nicht gut an: Ich bin Autor und schreibe gerade an meinem ersten Roman.

Nein, überhaupt nicht (lacht). Dich nimmt ja niemand ernst. Das ist wie (verstellt die Stimme): „Ich bin Schauspieler und …“. Wenn ich also früher von Mädchen gefragt wurde was ich mache und meinte, ich würde schreiben, hab ich immer schon gleich gemerkt, wie sich die Gesichtszüge verändern. Frauen werden ja mit so viel Scheiß zugelabert, kein Wunder, dass sie sowas nicht ernst nahmen. Seit ich veröffentlicht wurde, hat sich das aber verbessert. Gott sei Dank..

Bis es soweit war, hat es etwas gedauert. Du hast vier Jahre an dem Roman geschrieben. Gab es Hänger, an denen du den ganzen Kram hinschmeißen wolltest?

Ja, klar. Ich hab meine Texte einigen guten Freunden zum Lesen gegeben. Und da hat es teilweise wirklich vernichtende Kritik gegeben. Einmal, nach so einem Feedback, hab ich mich tagelang in meiner Wohnung eingeschlossen und nichts mehr gemacht – nur darüber nachgedacht, ob Beck und ich eine Zukunft haben. Ich dachte. Okay, Benedict, wenn du jetzt nicht 300 Prozent besser wirst, dann kannst du das ganze Projekt in den Mülleimer kippen. Zweieinhalb Jahre, alles für die Katz. Das war schlimm. Aber irgendwann hab ich mich hingesetzt und wieder angefangen.

Wie viele Versionen gab es, bis das Buch druckreif war?

Sieben. Eine davon war 1500 Seiten lang (lacht).

Und dann mit dem Debüt gleich bei Diogenes!

Ja, ich bin echt froh. Ich habe all die Jahre nur Ablehnungen kassiert. Bei Diogenes lief’s dann ganz profan über Bestechung (lacht).

Info: Benedict Wells: „Becks letzter Sommer“.
Diogenes. Gebunden, 450 Seiten. 19,90 Euro.

  1. 2009 Februar 1

    Man muss das Ganze strategisch angehen. Wenn man sich sicher ist, dass mindestens ein Fallschirmspringer und ein bis zwei Fahrzeugtuner im Raum sind, hat man statistisch gesehen ein ziemlich gute Chance die anwesende Damenwelt mit der Schreiberei zu beeindrucken. Ist aber ein Heimwerker oder gar ein Schauspieler im Raum sollte man sich einen anderen Anmachspruch ausdenken. Wells muss sich also eine bessere Strategie zurechtlegen ;)

  2. 2009 Februar 1

    Sehr gut! Werde Herrn Wells mal mailen. Vielleicht äußert er sich ja ;-) Vielleicht hat er auch schon Erfahrung mit Handwerkern und Fallschirmspringern.

  3. 2009 Februar 7

    Haha – das Problem in Berlin ist, dass alle irgendwie gerade an einem Buch schreiben, Film arbeiten, Musik machen ….oder sonst was mit Medien und Kunst.

    Hab mich aber auch in Chris verliebt, weil der so toll schreiben kann…leider hat er unsere ersten ICQ – Begegnungen nie zur Veröffentlichung frei gegeben…

    …aber Buch kommt…vielleicht bin ich aber schneller… ;-)

    Liebe Grüße
    Brigitte

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