Das Gift lässt langsam nach

2009 März 19
by Alex

Wir werden uns wiederseh’n, vielleicht nur um zu versteh’n,
dass das Leben an sich manche Wunder verspricht.

selig-in-marokko

Selig in Marokko.

Jan Plewka textet, als spreche er seinen Fans aus der Seele. Wie ein Wunder dürfte es vielen vorkommen, dass „Selig“ wieder da sind. Per Mail verbreitete sich vor einigen Monaten im Freundeskreis der Jubel. Hatte ich ja schon drüber geschrieben. Die alten Helden wiedervereint. Was im Übrigen ebenso überraschend kam, wie die Trennung der Hamburger Band vor zehn Jahren. Nicht nur bei mir – bei vielen alten Fans löste die Reunion große Begeisterung aus. Holger schreibt ins Gästebuch der (extrem sehenswerten) Band-Homepage www.selig.eu: „Gott hab euch selig.“ Andere Einträge: „Darauf hat die Welt gewartet“ und „Endlich wieder Licht am Horizont des deutschen Rocks.“ Christophe aus Frankreich schreibt: „Hört sich an, als wenn Ihr nie weg gewesen seid.“ Die Einschätzung ist korrekt. „Die Magie war wieder im Raum, der selige Sound war wieder da“, sagt Sänger Jan Plewka. Gemeinsam mit Schlagzeuger Stephan „Stoppel“ Eggert hat er die Band, die in den 90er Jahren als „German Grunge“ gefeiert worden ist, nach jahrelanger Funkstille wieder zusammengetrommelt. Heraus gekommen ist das Album „Und endlich unendlich“, das morgen (20. März) erscheint.

Dieses lehnt sich sehr stark an das erste Selig-Album von 1993 an. „Das Gefühl der Anfangszeit war wieder da, wir kehrten zu unseren Grundakkorden zurück“, berichtet Plewka. Und auch die Versöhnung der Band wird deutlich. „Es ist unsere positivste Platte“, sagen die Musiker. „Zwischen den Zeilen steht viel über Vergeben, Frieden und Respekt.“ Die Trennung 1999 kam über Nacht – nach drei Platten, nach Hits wie „Sie hat geschrien“, „Ohne Dich“ und nach einem Soundtrack zum Kinofilm „Knocking on Heavens Door“. Man habe sich wie ein altes Ehepaar auseinandergelebt, sagen die Musiker heute. „Die zehn Jahre waren nötig, um die Wut und den Groll abzubauen“, räumt der 38-jährige Plewka ein und kommentiert in einem seiner neuen Songs: „Die Hunde haben aufgehört zu heulen. Das Gift lässt langsam nach.“

Die Band hat sich dabei selbst therapiert. Monatelang habe man nur miteinander geredet. Alte Wunden verarztet. Erst dann griffen die fünf zu den Instrumenten. Die Musik habe wie ein Rausch gewirkt. „Schau, Schau“, die erste Single, „haben wir gleich am ersten Tag eingespielt. Das Lied war sofort da.“ Die Musiker haben während der Selig-Pause in verschiedenen anderen Bands gespielt. Doch heute nicken sie alle: „Selig ist schon etwas Besonderes.“ Auch für Fans. Plewka ist einer der besten deutschen Texter. Ähnlich wie Michael Stipe von REM deutet er immer an, verrät nie zu viel und lässt so genug Identifikationsraum. Es gibt Tage, da will man auch noch mit Mitte 30 der Welt trotzig die Stirn bieten – und Selig liefern einen neuen Soundtrack dazu. Älter, ja. Aber noch immer mit der nötigen Energie.

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